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Eine kurze und eine ultrakurze Geschichte

Ich habe in jungen Jahren damit begonnen, «nebenbei» zu schreiben. Erst in Schulheften, später auf einer mechanischen Schreibmaschine - damals noch so, dass man alles nochmal neu abtippen musste, wenn man einen - subjektiv sehr störenden - Fehler entdeckte. Vieles von dem ist im Laufe der Zeit, und vermutlich von einem Umzug zum nächsten zunehmend, verschwunden (nicht, dass ich das mehrheitlich als Verlust betrachte). Aus dem kümmerlichen Rest stelle ich hier zwei Kurzgeschichten online. Sie vermitteln zumindest einen gewissen Eindruck davon, wie ich damals geschrieben und vielleicht auch, wie ich damals gedacht habe. Ich überlasse es den Leserinnen und Lesern zu beurteilen, ob die Ähnlichkeiten oder die Unterschiede zu meinem heutigen Stil überwiegen.



1. Die ultrakurze Geschichte:


Verstimmung

Herrn G. unterlief ein zweifaches Missgeschick: Er hatte zum einen vergessen, den, an den silbernen Armaturen befindlichen, metallenen Hebel nach links umzulegen. Obendrein hatte er den Gemischtwasserhahn fälschlicherweise bis zum Anschlag nach rechts statt nach links gedreht. So traf ihn unvermutet ein eiskalter Strahl, der über seinem Kopf angebrachten Dusche. Augenblicklich bekam Herr G. eine Gänsehaut am ganzen Körper, war es ihm doch ohnehin schon so kalt in der Wanne gewesen, dass er heißes Wasser hatte einlaufen lassen wollen.

Herr G. war in der Tat verstimmt, als die unerwartete Bombe seine Stadt zerstörte.

(1985)



2. Die kurze Geschichte:


Sachzwang

Als Heinz Kraschinsky eines Abends aus reiner Langeweile - das Fernsehprogramm war wieder einmal unzumutbar ernst - eine Aufstellung all jener Personen anfertigte, die ihm für sein Leben von direkter Bedeutung zu sein schienen, kam er zu seiner großen Überraschung auf die Zahl 31. Zählte er sich selbst hinzu, so war dies genau die Anzahl Figuren eines vollzähligen Schachspiels.


Vom Schlag der Erkenntnis getroffen, elementarste Gesetzmäßigkeiten seines Lebens aufgedeckt zu haben, rannte Heinz Kraschinsky auf dem Balkon seiner kleinen Zweizimmerwohnung und kehrte, beladen mit fünf Flaschen Bier, das war jüngst die Anzahl, die sich gefahrlos transportieren ließ - ins Wohnzimmer zurück. Während die erste Flasche, die eigentlich bereits die achte war, legte man den Zeitraum des gesamten Abends zugrunde, ihren Inhalt glucksend in das bereitstehende Glas ergoss, stellte sich für Heinz Kraschinsky die bedeutende Frage, wer der 31 Personen zu den 16 Figuren des feindlichen Lagers zu zählen war. Er sah auf die Liste, die er zusammengestellt hatte und ging in Gedanken jeden einzelnen Namen derart durch, dass er sich die betreffende Person dazu vorstellte. Zumeist erkannte er mit einer intuitiven Gewissheit sofort, um welche Figur im Spiel es sich handeln musste.

Seine Brüder Fred und Ernst beispielsweise mussten schwarze Läufer sein. Sie hatten einen ausgesprochen schrägen Lebensweg zurückgelegt, waren flink, aalglatt und ergänzten sich in unangenehmer Weise. Beide gehörten ins feindliche Lager. Erst jetzt war Heinz Kraschinsky in der Lage, die Aggressivität zu verstehen, mit der ihm beide seit jeher begegnet waren. Sie war nur zu verständlich angesichts der Tatsache, dass sie, im Gegensatz zu Heinz Kraschinsky, der schwarzen Sache dienten.

Die Personen ihren Funktionen zuzuordnen, machte weniger Schwierigkeiten als Heinz Kraschinsky zunächst befürchtet hatte. Als er so ungefähr beim zehnten seiner Liste angelangt war, es war dies gleichzeitig der Punkt, an welchem er gezwungen war, sich mit einer erneuten Ration Bierflaschen zu versorgen, hatte er eine traumwandlerische Routine entwickelt, die ihn mit Bestimmtheit diesen als schwarzen Springer, jenen als weißen König und wiederum diese als schwarze Dame erkennen ließ. Das alles schien ihm nun derart offensichtlich, dass er sich darüber wunderte, die Spielregeln seines Lebens erst jetzt erkannt zu haben.

Einzig als sein Vater an die Reihe kam, überfiel in zweifelnde Unsicherheit. Nicht darüber, ob es sich um einen Turm oder doch um eine andere Figur handeln mochte. Nein, es stand außer Frage, dass dieser geradlinige, kräftige und breite Mann einfachen Gemüts einen Turm darstellte. Aber stand er schützend hinter seinem Sohn oder stellte er sich diesem mächtig in den Weg, missbraucht im Dienste der schwarzen Steine? Nachdem Heinz Kraschinsky missmutig zurück von der Toilette kam, wo er seine zum Bersten gefüllte Blase entleert hatte, stand es für ihn fest, sein Vater kämpfte gegen ihn, hinderte den eigenen Sohn mit Kraft am Fortkommen.


Schnell entlarvte Heinz Kraschinsky die restlichen zwei Personen. Der Chef, natürlich der schwarze König, Zentrum des Bösen, selbst schwach und unbeweglich, gefährlich jedem, der ihm zu nahekommt und uneingeschränkter Befehlshaber über eine schillernde Armee von Mitstreitern.

Helmut Seifinger, Arbeits- und Kegelkollege, ein Bauer wie Heinz Kraschinsky, denn das hatte dieser bereits desillusioniert zur Kenntnis genommen. Die Rolle, die er, Heinz Kraschinsky, im Spiel der Gewaltigen einnahm, war die vergleichsweise unbedeutende, einer der acht weißen Bauern zu sein. Bedauernswerte Geschöpfe, die auf einem vorgezeichneten Weg zu marschieren hatten, ohne die Möglichkeit der Umkehr zu besitzen. Schritt für Schritt das nackte Leben in die Schlacht werfend, jederzeit damit rechnend, der Staatsräson als verschmerzbarer Verlust zum Opfer fallen zu können. Und doch tröstete es Heinz Kraschinsky, dass gerade jedes Mitglied dieses wehrlosen Fußvolks, den Marschallstab im Tornister tragend, mit zunehmender Spieldauer an Bedeutung gewinnen konnte und nicht zuletzt in der großen Metamorphose der Held der Partie zu werden vermochte. „Einer kommt durch, und das bin ich!“, dachte Heinz Kraschinsky, schalt sich aber sogleich ob seines, dem Ziel des eigenen Lagers abträglichen, Egoismus. Er hatte sich dem Gesamtwohl der Weißen unterzuordnen, dazu war er verpflichtet. Nur so war ein Sieg zu erringen.

Wie mochte die Partie stehen? War der Ausgang gar schon entschieden? Die Stellung musste kompliziert sein oder sich in einem noch nicht fortgeschrittenen Stadium befinden, da noch alle 32 Steine im Spiel waren. „Mein Glück“, freute sich Heinz Kraschinsky, denn wären bereits Figuren verloren oder abgetauscht, so wäre ihm anhand von Zahlen wie 27 oder 14 die Ordnung seines Lebens sicher noch lange verborgen geblieben.


Heinz Kraschinsky kramte ein Schachspiel hervor, baute die Grundstellung auf und verglich noch einmal jeden Stein mit dem ihm entsprechenden Menschen. Tatsächlich waren beide Lager vollständig: zwei Springer, zwei Läufer, zwei Türme, eine Dame, ein König und acht Bauern, hüben und drüben. Ein weiterer, wenn auch überflüssiger Beleg für die Stimmigkeit der Identifizierung, dachte Heinz Kraschinsky.

Es kostete ihn weitere fünf Flaschen Bier, etliche Stunden Zeit und unendliche Mühen, bis er endlich die Stellung zusammengeschoben hatte, von der er restlos überzeugt war, sie müsse die aktuelle Spielsituation aller Beteiligten sein. Ihm selbst war als g-Bauer eine, für dessen Verhältnisse, ungewöhnlich exponierte Rolle zugefallen. So war Heinz Kraschinsky bereits bis auf das Feld g5 vorgerückt und bedrohte seinen Vater, welcher hiervon unbeeindruckt auf h6 verharrte und somit dem bis auf h3 vorgepreschten schwarzen Bauern, Frau Bramsche aus der Nachbarschaft, Rückendeckung gewährte. Indem Heinz Kraschinsky die Stellung analysierte, musste er feststellen, dass der Vater just im letzten Zug auf gerade dieses Feld h6 gezogen war.

In Heinz Kraschinsky stieg Wut auf, hatte der Vater doch die Bedrohung seitens des Sohnes schlicht ignoriert. Der Zug war geradezu eine Provokation. Der Vater verließ sich auf die Feigheit des Sohnes. Er wollte ihn wie so oft, noch dazu vor den Augen aller Mitspieler, demütigen.

Bisher hatte sich Heinz Kraschinsky stets geduckt, hatte geschwiegen, doch war es hier nicht länger alleine seine Angelegenheit. Das ganze Spiel lag in seiner Hand. Er hatte eine Verantwortung gegenüber seinen weißen Mitstreitern. Zwar war der Vater durch den Springer Onkel Gerhard auf f5 gedeckt, doch dies war geradezu lächerlich. Ein Bauer gegen einen Turm, das entschied sofort die gesamte Partie zugunsten der Weißen. Nein, er hatte keine Wahl. Vater hatte ihn unterschätzt, zu Unrecht auf sein mangelndes Rückgrat gebaut.


Heinz Kraschinsky kramte den schweren Hammer aus der Werkzeugkiste, mit dem er sonst die gelegentlichen Blechschäden seines Opel Ascona auszubeulen pflegte, hervor. Gerade noch erreichte er die erste Straßenbahn der Linie 7 um 5 Uhr 34. Gegen 6 Uhr 12 betrat er das elterliche Haus, für das er immer noch einen Schlüssel besaß.


Um 6 Uhr 18 Uhr lag der ölverschmierte Hammer auf den blankgeputzten Fliesen der Küche, neben dem toten Vater. Heinz Kraschinsky schlief erleichtert ein.

(1983)

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