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Pikante Skandale und ihre mediale Bewirtschaftung

Aktualisiert: Feb 1

Im Jahr 2014 gab es einen waschechten Skandal rund um den Chef eines mittelgroßen Gemeindewesen. Wer den Vorfall kennt, der kennt die Namen. Für die anderen tun sie nichts zur Sache. Nach so langer Zeit und weil ich kein Freund des immer wieder zu beobachtenden medialen Voyeurismus bin, folge ich dem Recht auf Vergessen. Deswegen sind die Namen in dem unten verfügbaren Artikel geschwärzt.

Worum ging es? Der Magistrat hatte einer ihm bekannten Dame intime Selbstansichten geschickt und das offensichtlich aus dem Büro seines Amtssitzes. Er kannte die Dame aber anscheinend nicht gut genug. Denn sie entschloss sich nach einiger Zeit - aus mir nicht bekannten Gründen -, die Vorgänge samt delikater Belege der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Ich habe dazu seinerzeit eine Glosse geschrieben, die nachfolgend zum Download zur Verfügung steht.

Glosse Sonntagszeitung 2014

Das Thema hat aus meiner Sicht eine sehr grundsätzliche Dimension. Ich möchte das hier anhand eines Auszugs aus meinem letzten Buch (Darwin schlägt Kant) aus dem Kapitel über «öffentliche Entschuldigungsrituale» kurz beleuchten:

«Das inflationäre Ritual öffentlicher Entschuldigungen hat zwei sehr problematische Facetten. Zum einen ist es die Rolle der Medien. Medien sind gleichzeitig – und stellvertretend für eine durch sie »informierte« Masse – Ankläger, Richter und mögliche Vergebungsinstanz. Besonders problematisch sind diese Rollen deswegen, weil sie nicht demokratisch legitimiert sind und Medien gleichzeitig von der Bewirtschaftung der von ihnen gestalteten Prozesse finanziell profitieren. Problematisch ist ferner der ausufernde Anspruch einer sich in Leserforen und im Internet ereifernden Öffentlichkeit, Zugriff auf das Privatleben vermeintlich öffentlicher Personen zu haben. Durch die immer und überall verfügbare Information wird das Publikum in der Illusion bestärkt, nicht mehr Außenstehende, sondern von den Handlungen der sie interessierenden öffentlichen Personen direkt betroffen zu sein.

Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton, der ehemalige US-General David Petraeus oder der Golfspieler Tiger Woods sind einige der mittlerweile vielen Personen, die sich für private sexuelle Eskapaden öffentlich entschuldigt haben. Sie haben vorgemacht, wie öffentliche Entschuldigungsrituale inszeniert werden können. Man kann den Betroffenen nicht einmal einen Vorwurf machen. Denn es gibt klare Vorgaben, was verlangt wird.

Die drei erforderlichen Schritte hat der PR-Experte David Warschawski unter Bezugnahme auf Tiger Woods so skizziert: 1. Vollkommene Transparenz (keine offenen Fragen), 2. Bitte um Vergebung und 3. Reue zeigen. Tiger Woods hat die Kriterien des Experten im Übrigen nicht erfüllt: »Entschuldigung und Reue von Woods seien unglaubwürdig, so Warschawski, weil es keinerlei Transparenz gegeben habe.«

Bei Tiger Woods wird das Dilemma öffentlicher Personen deutlich. Die öffentliche Person ist ein Kunstprodukt. Sie ist damit ein Produkt mit einem Image und einem Marktwert. Und weil wir homogene Geschichten und ebenso homogene Produkte haben wollen, wird es als ein Widerspruch empfunden, wenn ein hervorragender Golfspieler außereheliche Affären hat. Nicht, dass Tiger Woods ohne außereheliche Affären ein besserer Golfspieler wäre. Aber darum geht es nicht. Es geht um ein makelloses Produkt, weil sich das besser verkaufen lässt. In einer solchen Optik erscheint das Verhalten von Tiger Woods so, als hätte jemand mit einem Schlüssel hässliche Kratzer in den Lack eines sündhaft teuren Lamborghinis geritzt. Das Produkt ist weniger wert oder im schlechtesten Falle gar nicht mehr verkäuflich.

Im oben zitierten »Spiegel«-Artikel wird die Psychologin Cooper Lawrence wiedergegeben, die den öffentlichen Auftritt von Tiger Woods für CBS kommentiert hat. Demnach sei Woods keine Person, sondern eine Industrie. »Das Industrieprodukt Tiger Woods. Sauber. Diszipliniert. Vorbildlich. So wurde es verkauft. So hat der 34-jährige [sic] selbst es verkauft. Das Forbes-Magazin schätzt, dass Woods der erste Sportler ist, der es auch durch Werbeverträge zum Dollar-Milliardär gebracht hat.«

Die außerehelichen Affären und andere Eskapaden von Woods sind ein Problem, weil sie ein homogenes Produkt zerstört haben. Aus dieser Logik der Homogenität, dem Hunger nach Skandalen und der nie zuvor gekannten Verfügbarkeit von Informationen, entsteht der wachsende Anspruch des Zugriffs auf öffentliche Personen. Wer sich dem verweigert, ist uneinsichtig, wird sozial geächtet, darf nicht mehr im Fernsehen auftreten, darf nicht mehr Golfspielen und schon gar kein politisches Amt bekleiden.


Die öffentliche Entschuldigung mag in bestimmten Fällen richtig sein. Wie sehr öffentliche Personen aber heute unter dem Druck stehen, sich für vermeintlich sozial problematisches Verhalten entschuldigen zu müssen, kann man daran sehen, welche Blüten das Entschuldigungsritual mittlerweile treibt.

Hierzu abschließend einige Beispiele:

Ein Politiker kandidierte in der Schweiz für ein Gemeindeamt. Ein Gegner veröffentlichte ein privates Foto. Das zeigte den Kandidaten an einem schönen Sommertag angetrunken, angelehnt an ein Geländer mit schöner Aussicht im Hintergrund. Das Foto verfehlte seine Wirkung nicht. Es entfachte eine von manchen Medien administrierte Diskussion, ob die in der Öffentlichkeit sichtbare Angetrunkenheit den Politiker für ein politisches Amt disqualifiziere. Es gab dazu unterschiedliche Ansichten, wobei man noch wissen muss, dass sich der Mann in seiner Freizeit auf einem Ausflug befand und zuvor einen Biergarten besucht hatte. Jedenfalls sah sich der so unfreiwillig in der Öffentlichkeit dargestellte Politiker veranlasst, sich bei seinen Wählern persönlich für sein Fehlverhalten zu entschuldigen.

Aber es geht noch peinlicher: Als der Schweizer Politiker Christophe Darbellay (CVP – Christliche Volkspartei) für ein Regierungsamt im Kanton Wallis kandidierte, wurde die Geburt eines unehelichen Kindes bekannt. Gegenüber der Boulevard-Zeitung »SonntagsBlick« äußerte sich Darbellay, wie es dazu kam: »Als ich im vergangenen Dezember, bevor ich meine Amtstätigkeit in Bern beendete, eine Nacht mit einer Frau verbrachte, habe ich einen schweren Fehler begangen.« Dann erfährt die Leserschaft: »Bei seiner Frau hat er sich unterdessen entschuldigt: ›Ich bereue mein Verhalten zutiefst und ich habe meine Ehefrau und meine Familie um Verzeihung gebeten.‹« Und schließlich: »Mir ist bewusst, dass ich viele Freunde und Freundinnen, Wählerinnen und Wähler mit meinem Verhalten verletze oder enttäusche. Ich bitte sie um Verzeihung.«

Wie peinlich ist das denn? Und wie muss sich wohl das Kind fühlen, das Ergebnis eines in der Öffentlichkeit bekannten »schweren Fehlers« ist? Aber Darbellay hat nur das gemacht, was erwartet wird. Es scheint geholfen zu haben, denn er wurde gewählt.

Ein letztes Beispiel: Im Wahlkampf um das Amt des kanadischen Premierministers tauchte ein fast zwanzig Jahre altes Foto des Amtsinhabers Justin Trudeau auf. Das Foto zeigt den jungen Trudeau mit Turban und braun geschminktem Gesicht auf einem Maskenball (Thema: arabische Nächte).


Man kann das sogenannte »brownfacing« kritisieren und aufgrund seiner diskriminierenden Aspekte heutzutage darauf verzichten. Darin aber stets und auch viele Jahre rückwirkend einen Ausdruck von Rassismus zu sehen, scheint mir den Bogen zu überspannen. Dennoch beeilte sich Trudeau, überall seinen »schweren Fehler« aus der Jugendzeit zu bedauern und sich zu entschuldigen. Das hatten ihm seine Berater offensichtlich dringend nahegelegt.


Wenig beachtet, aber mindestens ebenso interessant, war die Reaktion seines politischen Konkurrenten Andrew Scheer. Jeder andere Politiker hätte sich vermutlich wie ein Schneekönig gefreut, wenn ein solches Foto seines Gegners in der Öffentlichkeit aufgetaucht wäre. Aber der gute Mr. Scheer war nach eigenem Bekunden einfach »extrem geschockt« und »enttäuscht«, als er das Bild gesehen hatte.

Wie schön, dass es auch uneingeschränkt sympathische und integre Politiker gibt, die ehrlich und ohne taktisches Kalkül einfach mal ihre tiefsten Gefühle mitteilen. Schock und Enttäuschung gingen bei Mr. Scheer aber glücklicherweise nicht soweit, dass er nicht mehr zu einer eindeutigen Bewertung in der Lage gewesen wäre. Ihm war umgehend klar, das der rassistische Trudeau ungeeignet sei, das Land zu führen – und er selbst demzufolge die bessere Wahl.


Es ist gefährlich, bei der Besetzung öffentlicher oder einflussreicher Funktionen auf Personen zu setzen, deren Biografie frei von jeder Auffälligkeit ist. Vor denjenigen, die eine so glatte Oberfläche haben, dass sich nichts finden lässt, was sich in Medien oder Leserforen skandalisieren ließe, oder denjenigen, die ihr gesamtes Leben wasserdicht und medienkonform durchorganisieren, vor solchen Personen muss uns am meisten Bange sein. Das sind diejenigen, die niemals in der Gefahr sind, dass von ihnen ein unvorteilhaftes Foto nach dem Besuch eines Biergartens erscheinen oder gar ein uneheliches Kind auftauchen könnte. Und wenn es doch passieren würde? Die würden uns ein Entschuldigungsritual präsentieren, das uns zu Tränen rührt." (aus Darwin schlägt Kant, Seite 375-378)

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