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Gastartikel: Homophobe Gewalt

  • Autorenbild: FU
    FU
  • vor 3 Tagen
  • 10 Min. Lesezeit

Die Zunahme von homophober Gewalt ist nicht unwesentlich auch auf entsprechende Einstellungen von Personen mit bestimmten Migrationshintergrund zurückzuführen. Dabei tendieren sehr patriarchale Gesellschaften wie zum Beispiel solche, die durch fundamentalistische islamische Vorstellungen geprägt sind, nicht nur zur Diskriminierung von Frauen, sondern sie nehmen oft auch eine sehr aggressive Haltung gegenüber Homosexualität ein. Ueli Leuthold hat hierzu 2022 im Magazin Display einen Artikel veröffentlicht, der unter anderem auf seinen persönlichen Erfahrungen beruht und den ich nachfolgend auf meiner Webpage als Nachdruck zur Verfügung stelle.



Warum hassen sie uns? Der Grund für die homophobe Gewalt


von Ueli Leuthold, 2022


Die homophobe Gewalt richtet sich stärker gegen Schwule als gegen Lesben und tritt immer dort verstärkt auf, wo Schwule ihre Neigungen offener zeigen. Weswegen sie dafür den Hass bestimmter Leute auf sich ziehen, kann man nur verstehen, wenn man weiss, wie in patriarchalen Gesellschaften der Sex zwischen Mann und Frau gesehen wird. Denn die Schwulenhasser haben immer sehr patriarchale Geschlechtsbilder.


In jeder patriarchalen Gesellschaft wird behauptet, die Herrschaft der Männer über die Frauen beruhe auf der Natur. Der Beweis sei der Sex, bei dem der Mann der Penetrierende und damit Macht Ausübende und die Frau die Penetrierte und damit Beherrschte sei. Der Vaginalverkehr zwischen Mann und Frau muss also im Patriarchat zur Rechtfertigung der angeblich natürlichen, in Wirklichkeit jedoch gesellschaftlich bedingten Macht der Männer über die Frauen herhalten. Weil er das muss, muss im Patriarchat aber auch verlangt werden, dass der Sex immer so stattfindet.


Wenn nun zwei Männer Sex haben miteinander, wird unterstellt, dass er immer als Geschlechtsverkehr stattfinde, nur dann eben von hinten. Dass zwei Männer auch noch auf ganz andere Arten Sex haben können miteinander, wird dabei ausgeblendet.


Wenn zwei Männer Geschlechtsverkehr von hinten haben, dann ist einer der beiden die «Frau». Und das ist das Problem und der Grund für den Schwulenhass in allen patriarchalen Gesellschaften. Allen Schwulen wird pauschal unterstellt, sie hätten Sex ausschliesslich von hinten und seien dabei die «Frau». In arabischen Ländern, in denen die Homosexualität strafbar ist, werden an Angeklagten Anal-Untersuchungen vorgenommen zwecks Beschaffung von «Beweisen». Ein verachteter «Schwuler» (bzw. das, was mit diesem Wort übersetzt wird) ist bei den Arabern und in anderen patriarchalen Kulturen auch nicht ein Mann, der Männer fickt, sondern ein Mann, der beim Geschlechtsverkehr mit einem Mann die «Frau» ist. Sein Partner, der dabei der «Mann» ist, sieht sich dagegen in der Regel nicht als «schwul» an.


Ein Mann, der beim Geschlechtsverkehr die «Frau» ist, untergräbt die angeblich natürliche Grundlage der Herrschaft der Männer über die Frauen sowie das patriarchale Selbstverständnis der Männer als von der Natur zur Herrschaft bestimmte Wesen. Mehr noch: Wo ein «richtiger» Mann ein «Herr» sein will, will er auch über andere Männer herrschen. So herrschen im Patriarchat nicht nur die Männer über die Frauen, sondern auch die einen Männer über die anderen: die älteren über die jüngeren, die mächtigen über die weniger mächtigen usw.. «Patriarchat» bedeutet ja auch nicht «Männerherrschaft», sondern «Väterherrschaft». Es beruht also grundsätzlich auf Über- und Unterordnung – das Gegenteil einer auf Gleichstellung beruhenden Gesellschaft.


Die Schwulen sind also wegen des Sexes, der ihnen pauschal unterstellt wird, aus patriarchaler Sicht Verräter nicht nur an der Herrschaft der Männer über die Frauen und am Selbstverständnis der Männer als «Herren», sondern auch an der ganzen, auf Über- und Unterordnung beruhenden patriarchalen Gesellschaft.


Lesbische Beziehungen untergraben das Patriarchat und seine Rechtfertigung mit dem angeblichen Willen der Natur ebenfalls, weil dabei Frauen (beim Sex und sonst) ihr Glück finden können, ohne sich einem Mann zu unterwerfen. Wobei dies die Männer, (die bei homophober Gewalt fast immer die Täter sind,) nicht so stark stört wie die passive Rolle des Mannes, denn die Vorstellung von der eigenen Abwertung ist schlimmer als die Tatsache, dass sich nicht alle Frauen von Männern beherrschen lassen. Aus ähnlichen Gründen stören sich Männer öfters an Schwulen als Frauen an Lesben. Der schwule Sex ist für Männer mit patriarchalen Geschlechtsbildern eine Abwertung, der lesbische für Frauen nicht.


Bei der Homosexualität geht es um Liebe, aber bei ihrer Ablehnung geht es also nur um Macht, genauer um die Angst vor dem Ende der grundsätzlich auf Macht, «Herr»-schaft und Über- und Unterordnung beruhenden patriarchalen Gesellschaft.


Die religiösen Gründe für den Schwulen- und Lesbenhass der Päpste, Bischöfe, Ayatollahs und Fundamentalisten aller Religionen sind nur Erweiterungen und Verstärkungen der patriarchalen Gründe. Erstaunlich ist das nicht, denn die Katholische Kirche ist noch immer eine Bastion patriarchaler Macht, die Fundamentalisten aller Religionen vertreten extrem patriarchal-autoritäre Gesellschaftsordnungen, und alle grossen Religionen entstanden in ausgesprochen patriarchalen Gesellschaften. Passend dazu, zeigt eine genaue Analyse sämtlicher Bibelstellen, die angeblich die Homosexualität verurteilen, dass sie sich in Wirklichkeit nur auf den Geschlechtsverkehr von hinten beziehen.

(Für eine genaue Erklärung dieser Bibelstellen siehe den Anhang meines Buches «Coming Out, Gay Pride und Stiefkind-Adoption. Männliche Homosexualität in den Märchen der Brüder Grimm.» Hamburg: tredition 2017.)


Zu anderen Sexpraktiken zwischen Männern und zu Sex zwischen Frauen schweigt die Bibel. Trotzdem lehrt die Katholische Kirche weiterhin offiziell und behaupten alle christlichen Fundamentalisten weiterhin wider aller Tatsachen, die Bibel verurteile die Homosexualität. Übrigens hat auch Papst Franziskus diese Verdammung bisher nicht gemildert. Er äusserte sich zwar bisweilen verständnisvoll zu Schwulen und Lesben, aber erstens tat er das nur in Interviews mit Journalisten, ohne die kirchliche Lehre zur Sache irgendwie zu ändern, und zweitens galten alle diese Äusserungen den Schwulen und Lesben als Menschen und nicht ihrem Sex. Die Katholische Kirche und alle christlichen Fundamentalisten unterscheiden aber, fern jeder Realität, zwischen Schwulen/Lesben und ihrem Sex. Sie sagen: «Wir lieben euch, aber wir verurteilen euren Sex, den müsst ihr aufgeben!» Das ist, wie wenn man zu Afrikanern sagen würde: «Wir lieben euch, aber eure Hautfarbe müsst ihr weisswaschen!» Das würde zu Recht zu grosser Empörung führen, aber gegenüber Schwulen und Lesben ist es weiterhin offizielle Lehre der Katholischen Kirche und der christlichen Fundamentalisten.


Trotz der grundsätzlichen Ächtung des gleichgeschlechtlichen Sexes erlauben ihn manche patriarchalen Gesellschaften in einem eng festgelegten Rahmen, der die patriarchale Geschlechtsidentität von Mann und Frau nicht gefährden darf. Grundsätzlich kommen dafür zwei Formen in Frage:


Erstens Sex unter Jugendlichen oder zwischen einem erwachsenen, meist verheirateten Mann und einem Jugendlichen, der später ebenfalls heiraten wird. Der Jugendliche kann dabei die «Frau» sein, weil man sich sagt, er sei ja altersmässig noch kein richtiger Mann, daher werde auch keine Männlichkeit verletzt. Diese Art bisexuellen Verhaltens war bei den alten Griechen üblich und ist bis heute in der islamischen Welt häufig, ist dort aber auch ein grosses Tabu-Thema.


Bei der zweiten Möglichkeit gilt ein Mann (seltener eine Frau) gesellschaftlich als Angehörige(r) eines «Dritten Geschlechts» zwischen Mann und Frau, mit spezieller Kleidung und speziellen Aufgaben. Angehörige dieses Dritten Geschlechts, die biologisch Männer sind, haben Sex mit verheirateten «richtigen» Männern, denen sie dabei als passive Partner dienen. Das stört nicht, weil sie ja eben nicht als Männer gelten. Ein solches Drittes Geschlecht gab es bei den Indianern und gibt es noch heute bei manchen Südsee-Insulanern und in Indien, wo seine Angehörigen (die «Hijras») allerdings oft kastriert sind. Homosexualität als Neigung Erwachsener zum eigenen Geschlecht, mit gleichgeschlechtlichen Beziehungen zwischen Gleichgestellten, war und ist dagegen in keiner patriarchalen Gesellschaft je akzeptiert. In den westlichen Gesellschaften wurde ihre Akzeptanz erst möglich durch die vorangegangene Gleichberechtigung und Gleichstellung der Frau, weil erst dank der Aufwertung der Frau ein Mann, der beim Sex die «Frau» ist, nicht mehr als Verräter an der «Männlichkeit» gesehen wird. Homophobie geht daher immer einher mit Sexismus, aber bei weitem nicht immer mit Rassismus und Antisemitismus.


Beispiele für den in sehr patriarchalen Gesellschaften (islamische Welt, Afrika) verbreiteten abgrundtiefen Schwulen- und Lesbenhass lassen sich leicht finden. Asylsuchende aus den betroffenen Ländern berichten davon. Und es gibt ihn auch bei uns: Vor einigen Jahren fragte ich einen eritreischen Asylbewerber, ob er wisse, was Homosexualität sei? Er antwortete: «Ja.» Ich fragte weiter, was er darüber denke? Antwort: «Erschiessen!» Er war kein Schlägertyp; ich hatte nicht den Eindruck, dass er selber gewalttätig werden würde, er scheint eher, die für ihn ganz selbstverständliche Antwort gegeben zu haben.


Wer in einer Gesellschaft oder Familie aufwächst, in der solches Denken vermittelt wird, und selber gleichgeschlechtliche Gefühle hat, braucht viel Stärke und Bereitschaft zur Unabhängigkeit, um seine Gefühle annehmen zu können, denn der Preis ist meist die Feindschaft der Familie und die Trennung von ihr, was in sehr patriarchalen Kulturen besonders schwierig ist, weil dort eine ausgeprägte Familien-Diktatur herrscht und die Interessen der Familie grundsätzlich Vorrang haben vor jenen ihrer einzelnen Mitglieder. Schwule und Lesben, die angesichts solcher Gegenkräfte ihre eigenen wahren Gefühle zu unterdrücken und verdrängen versuchen, sind die grössten Homo-HasserInnen, denn was man an sich selber fürchtet und ablehnt, fürchtet man umso mehr an anderen Menschen, die es ausleben und zeigen. Ein Beispiel war jener afghanisch-stämmige Secondo, der 2016 in einem schwulen Nachtclub in Orlando 49 Menschen erschoss, die bisher schlimmste homophobe Gewalttat. Nach den Berichten der Leute, die ihn kannten, fühlte er sich selber körperlich von Männern angezogen, wollte aber nicht schwul sein.


Ich selber wurde wegen meines Schwulseins nie körperlich angegriffen, was wohl auch damit zu tun hat, dass ich selten im Ausgang war, nur einmal kurz einen Partner hatte und wir in der Öffentlichkeit immer den bei heterosexuellen Männern üblichen Sicherheitsabstand zueinander einhielten. Bedroht wurde ich einmal, am hellheiteren Tag in Zürich, von zwei sehr wahrscheinlich Balkan-stämmigen jungen Männern, die mich für schwul hielten.


Angesichts der in Osteuropa verbreiteten Homophobie stellt sich die Frage, weswegen die dortige 45jährige kommunistische Herrschaft trotz dem Gerede von der Gleichheit der Menschen und der Geschlechter nichts daran änderte?


Weil der Kommunismus dank Integration der Frauen in die Berufsarbeits-Welt zwar ein verändertes Frauenbild vertrat, aber kein neues Männerbild. Das kann eine Diktatur wie die kommunistische auch nicht. Jede Diktatur beruht auf politischer und gesellschaftlicher Über- und Unterordnung und bedient damit das patriarchale Männerbild, bei dem jeder Mann ein «Herr» sein möchte. Gleichstellung ist nur bei Demokratie und Menschenrechten möglich.


Eine in Deutschland 2006 durchgeführte Studie über die Einstellung Jugendlicher zu Schwulen und Lesben zeigte bei Männern deutlich negativere Werte als bei Frauen und bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund aus der Sowjetunion und der Türkei viel negativere Werte als bei deutschstämmigen Jugendlichen. Eine starke (konservative) Religiosität verstärkte die negative Einstellung.

(Zusammenfassung der Ergebnisse: Claudius Ohder und Helmut Tausendteufel: Gewalt gegen Homosexuelle. Eine präventionsorientierte Analyse. Frankfurt: Verlag für Polizeiwissenschaft 2017. S. 21/22.)

Untersuchungen aus den Niederlanden – früher eines der für Schwule und Lesben weltweit tolerantesten Länder – zeigen, dass für die dortige Zunahme homophober Gewalt vor allem Jugendliche aus islamischen und in Übersee gelegenen Einwanderungsländern verantwortlich sind.

(NZZ, 22.3.2006. Referat von David J. Bos, Dozent für Soziologie an der Universität Amsterdam, an einem von Network (Organisation schwuler Führungskräfte) organisierten Workshop in Zürich am 8.9.2007. Bericht darüber in: gay agenda, Okt. 2007, S. 1.)


Eine neue Studie von Prof. Dr. Dirk Baier, dem Leiter des Institutes für Delinquenz und Kriminalprävention an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, zeigt, dass in den Schweizer Städten Gewalt gegenüber Schwulen zugenommen hat und dass dafür oft Jugendliche aus dem Balkan, Südeuropa und islamischen Ländern verantwortlich sind.

(«Rendez-vous», Informationssendung am Mittag von Radio SRF, vom 19.10.2021.)


Auch in unseren westlichen Gesellschaften herrschten bis vor wenigen Jahrzehnten, das heisst solange sie patriarchal geprägt waren, äusserst negative Einstellungen zu Schwulen und Lesben. Wobei das wichtigste und wirksamste Mittel ihrer Unterdrückung in allen patriarchalen Gesellschaften die möglichst vollständige Tabuisierung war und ist, heute erschwert durchs Internet. Das Schweigen ist gegenüber den sexuellen Minderheiten umso wirkungsvoller, als sie keine Eltern haben, die so sind wie sie und ihnen darum ein Selbstverständnis als das, was sie sind, vermitteln könnten. Ich hörte bzw. las bis weit in die 1980er Jahre nie etwas Positives über Schwule oder Lesben in Familie, Schulunterricht, Kirche, Nachrichten oder Zeitungen, auch nicht von Seiten jener Parteien, die heute so tun, als hätten sie sich immer schon für Minderheiten und deren Rechte eingesetzt. Schwule kamen höchstens als Lachnummern, Verbrecher und später als Aidskranke und -tote vor. Wo nichts ist, kann man sich gegen nichts wehren, und man beginnt sich zu verstecken und vielleicht selber zu unterdrücken. Und das ist genau, was jede patriarchale Gesellschaft will: So tun, als gäbe es die gleichgeschlechtliche Liebe nicht, weil sie nicht zu ihren Geschlechtsbildern passt.


Für jemanden, der unbedingt an der patriarchalen Gesellschaft festhalten will, sind darum Schwule, die offen ihre Liebe zeigen, etwas vom Schlimmsten. (Bei Lesben fällt es weniger auf, weil sich bisweilen auch Heteras in der Öffentlichkeit küssen oder umarmen). Als ich in den frühen 90er Jahren einmal in einem Intercity-Zug von Zürich losfuhr, sassen vor mit zwei Männer, von denen der eine den Kopf auf die Schuler des anderen legte, was ein Hetero nie tun würde. Für mich war es das erste Mal, dass ich sah, wie zwei Männer in der Öffentlichkeit, das heisst ausserhalb schwuler Begegnungsorte, ihre Liebe zueinander zu zeigen wagten. Sofort erhob sich schräg gegenüber ein Mann (anscheinend, der Sprache nach, ein Schweizer) und liess eine lange und laute Schimpftirade gegen die beiden los.


Inzwischen ist die Toleranz in allen westlichen Gesellschaften viel verbreiteter als damals. Ich hätte es in den 70er und 80er Jahre nie für möglich gehalten, dass 30-40 Jahre später die schwul-lesbische Ehe mehrheitsfähig ist. Möglich ist diese rasant geänderte Einstellung zu sexuellen Minderheiten, wie erwähnt, nur dank der vorausgegangenen Entwicklung zur Gleichstellung der Frau. Viele von uns sind sich nicht bewusst, dass unsere Gesellschaft damit innerhalb von zwei Generationen die tiefgreifendste Umwälzung seit dem Übergang zum Patriarchat vor mehreren Jahrtausenden durchmacht. Für Frauen, die in einer sehr patriarchalen Gesellschaft und/oder Familie aufgewachsen sind, ist die Integration in die so neue und andere, auf Gleichstellung beruhende Gesellschaft eine Aufwertung, für Männer eine Abwertung und darum viel schwieriger als das Erlernen einer anderen Sprache, die Absolvierung einer Ausbildung oder die Jobsuche und das Arbeiten. Wo diese Integration nicht erwünscht ist oder einen überfordert, reagiert man auf das offene Auftreten von Schwulen (und, weniger stark, Lesben) hysterisch, manchmal bis zur Gewalt. Die Schwulen schlägt man, aber die Gleichstellung meint man. Das könnte man auch bei der Abwertung anderer Minderheiten und der Frauen sagen, aber gegenüber den Schwulen trifft es am allermeisten zu, eben weil sie nur schon durch ihre Existenz und den ihnen allen unterstellten Sex das patriarchale Identitätsgefühl des Mannes als «Herr» und die ganze darauf beruhende patriarchale Gesellschaft von Über- und Unterordnung über den Haufen werfen.


Umgekehrt bedeutet dies, dass man anhand der Einstellung zu offen auftretenden Schwulen am allerbesten überprüfen kann, ob jemand wirklich auf dem Boden einer Gesellschaft von Gleichgestellten steht.


Gerade darum ist es umso wichtiger, dass Homosexualität und die Gründe für ihre Ablehnung an den Schulen, in Integrationsklassen für Einwanderer aus patriarchalen Gesellschaften und bei den Voraussetzungen für die Einbürgerung thematisiert werden, und zwar ohne sexuelle Tabus, nicht nur am Rande und gerade auch gegenüber Leuten, die nichts darüber hören wollen, denn wie erwähnt: Das Schweigen ist das wirksamste Mittel der Unterdrückung.


Dabei darf man nicht davor zurückschrecken, die Fragwürdigkeit patriarchaler Vorstellungen von «Männlichkeit» klar zu machen, auch dann nicht, wenn diese Männlichkeits-Vorstellung religiös (mit christlichem, jüdischem oder islamischem Fundamentalismus) begründet werden. Wo der Mann ein «Herr» sein und «Herr»-schaft ausüben will, wird die Gewalt allgemein gefördert. Es ist darum ein und dasselbe patriarchale Männerbild, das dazu führt, dass man Männern einen Orden verleiht, wenn sie im Krieg einander töten, aber sie ins Gefängnis wirft, wenn sie einander lieben.



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