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Der Massenmord im Zuger (Schweiz) Kantonsparlament: Eine Tragödie und ihre Legenden

Der Massenmord mit der höchsten Opferzahl in der Schweiz ist mit dem Namen Friedrich Leibacher verbunden. Am 27. September 2001erschoss er im Parlament des Kantons Zug (Schweiz) 14 Menschen, verletzte zahlreiche Personen zum Teil schwer und tötete sich dann selber.

Als ich den Täter begutachtete, war er also bereits tot. Gutachten über verstorbene Täter sind seltene Fälle. Manche sprechen in diesem Zusammenhang von einer forensisch-psychiatrischen Autopsie. Ob man in solchen Fällen ein Gutachten erstellen kann, hängt davon ab, welche Informationen über den Täter vorliegen. Manchmal kann man gar nichts sagen, weil die Informationen nicht ausreichen. Manchmal kann man nur einige der üblicherweise zu beantwortenden Fragen bearbeiten. Vielleicht kann man dann zum Beispiel etwas zum Deliktmechanismus (also zur psychologischen Erklärung der Tat) und zum Persönlichkeitsprofil sagen, aber die Schuldfähigkeit kann ohne Aussagen des Täters im Nachhinein nicht mehr eingeschätzt werden. Manchmal ist aber die Informationsgrundlage so gut, dass auch ohne die Aussagen des Täters ein vollständiges Gutachten erstellt werden kann. Genau das war bei Friedrich Leibacher der Fall. Das hatte u.a. damit zu tun, dass er ein Querulant war, der sehr viele Briefe geschrieben hat. Zudem gab es bereits seit seiner Jugendzeit zahlreiche Berichte, weil er schon früh und dann immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt geriet. Bei den Unterlagen fanden sich auch Tagebuchaufzeichnungen und es gab verschiedene Zeugen, die Leibacher gut kannten und viele Begebenheiten schildern konnten. Insgesamt gab es somit viele 1000 Seiten mit verschiedensten Informationen. Obwohl ich den Täter selber nicht mehr befragen konnte, war damit die Informationsgrundlage für das Gutachten sogar überdurchschnittlich gut.


Ein zweiter interessanter Aspekt in diesem Fall ist es, dass es bis heute Menschen gibt, die Leibacher zu einer Art Wilhelm Tell verklären. So als wäre er ein ehrbarer Bürger, der durch unfähige und bevormundende Behörden so weit in die Enge getrieben wurde, dass er einfach die Nerven verloren hat. Diese Sichtweise ist absolut falsch. Aber sie zeigt, dass viele Menschen bereit sind, sich eine bequeme Geschichte zurecht zu legen, die den eigenen Bedürfnissen entspricht. Hat man sich doch selbst schon über diese bornierten Bürokraten in den Amtsstuben geärgert. Kein Wunder, dass da mal jemand durchdreht. Das haben sich die Behörden doch selbst zuzuschreiben. So zu denken, ist nichts anderes als eine Instrumentalisierung dieser fürchterlichen Tragödie. Man projiziert die eigene Frustration über Behörden in diesen Fall hinein. So entsteht eine subjektiv stimmige Geschichte, die dem eigenen Weltbild entspricht. Mit den Fakten hat diese Geschichte aber gar nichts zu tun.

Nachfolgend eine kurze Darstellung des Falls und der beiden angesprochenen Aspekte.



1. Der Amoklauf von Zug











2. Schlussbericht des Untersuchungsrichteramts vom 17.10.2003

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