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Mein Vater ...

Aktualisiert: 29. Nov 2020

Am 22. April 2020, zwölf Tage nach seinem 90. Geburtstag, ist mein Vater verstorben. An einem Ort, der für ihn bei klarem Bewusstsein der letzte gewesen wäre, an dem er hätte sein wollen. Seine letzten drei Lebensjahre verbrachte er in einem Pflegeheim. Wenn man diesen eigenständigen, starken und bodenständigen Mann kannte, dann hätte die Diskrepanz zu seinem körperlichen Verfall in den letzten Lebensjahren nicht größer sein können. Seine zeitlebens vorhandene Genügsamkeit, Zufriedenheit, ebenso wie seine Neugier, sein klagloses Annehmen des Unabänderlichen und sein eigener Kopf, all das war zwar - wenn man sich Zeit nahm und wenn man ihn kannte - bis zuletzt spürbar. Das vermochte die Traurigkeit aber nicht zu verringern, die mich stets überkam, wenn ich ihn so sah - ganz im Gegenteil.

Spätestens ab irgendeinem Zeitpunkt sind alt sein und sterben einfach Scheiße.

Das kann man drehen und wenden, wie man will.

Mein Vater hatte im Vergleich zu mir sehr viel schlechtere Startbedingungen für sein Leben. Er war neun, als der Zweite Weltkrieg begann, musste mit elf Jahren beim Bauern arbeiten, damit die Familie genug zu essen hatte und flüchtete mit 14 zusammen mit seiner Familie - wie Millionen andere - vor der heranrückenden Sowjetarmee in die Grenzen der heutigen Bundesrepublik.

Die Möglichkeit für eine reguläre Bildung hatte er nicht. Aber er hatte ein intuitives Verständnis von technischen Dingen und vor allem davon, was im Leben richtig, was falsch ist und was man macht und was man nicht tut. Nachdem er in Bayern in einer Ziegelei und dann im Ruhrgebiet als Kohlebergarbeiter gearbeitet hatte, sah er eines Tages im Kino einen Film. Es ging um Diamanten in Südafrika. Kurzerhand fuhr er mit dem Fahrrad nach Hamburg, heuerte auf einem Schiff an und landete einige Monate später in Südafrika.


Ohne Geld und ohne anfänglich die Sprache zu verstehen, arbeitete er sich in kurzer Zeit bei der größten Diamantengesellschaft der Welt (De Beers) zum Sprengmeister empor.

Er hatte dort - auch nach heutigen Maßstäben - ein wirklich tolles Leben. Einen guten Lohn, Freunde, eine Harley, mit der er am Wochenende in den Krüger Nationalpark fuhr und vieles mehr.

Nach einem Besuch seiner Eltern in Deutschland traf er eine für mein Leben folgenschwere Entscheidung. Er hatte erfahren, dass meine Mutter, die er anlässlich seines Urlaubs kennengelernt hatte, schwanger war. Und wenn es etwas Charakteristisches für diesen Mann gab, dann zeigte sich das genau in der Art und Weise, wie er mit dieser Situation umging.


Es war für ihn keine Frage, dass er Südafrika verließ und die Rolle als Vater einer dieser typischen Vater-Mutter-Kind-Familien übernahm. Sozial war das ein Abstieg. Denn von nun an arbeitete er bis zu seiner Pensionierung auf dem Bau als Baggerführer. Er war eine dieser Figuren auf dem Bau, die man irgendwohin schickt und die es dann am Ende einfach richten, egal welches Problem da auch immer auf einen gewartet hatte. Manch einer hätte vielleicht mit dieser radikalen Veränderung des Lebens gehadert. Vielleicht nicht offensichtlich, aber zumindest in der ein oder anderen Situation zwischen den Zeilen. Das aber war nie der Fall und widersprach dem Wesen meines Vaters. Er war ein selbstbewusster, stolzer und zufriedener Arbeiter und Familienvater. Einer, der nicht hinterm Berg hielt, sondern sagte, was er dachte. Einer, dem etwas Krummes oder jemanden übers Ohr zu hauen, wesensfremd waren. Er sagte Dinge, wie: Etwas, das ich nicht ehrlich verdient habe, das bringt mir doch gar nichts - und meinte damit, dass er daran keine Freude haben könne.

Von Außen betrachtet war unser Leben nicht spektakulär. Eines, so wie es Millionen andere Arbeiterkleinfamilien in einer Großstadt führten. Beengte Wohnverhältnisse, Sparsamkeit als Grundlage dafür, dass es nie an etwas fehlte und eine Mutter, die zu Hause blieb und erst wieder ans Arbeiten dachte, als der Junge - bei mir mit zehn Jahren - aus dem Gröbsten heraus war. Jeden Mittag ein selbstgekochtes Essen auf dem Tisch, bei dem Konserven und erst recht Fertigprodukte verpönt waren. Ein frisch gekochtes Essen und die Maßgabe, dass man sich an der frischen Luft bewegen solle und nicht als Stubenhocker zu Hause sitzt, waren nicht Paradigmen eines akademisch gesundheitsorientierten Lebensstils. Es war viel mehr als das und ergibt erst mit weiteren Elementen die Zutaten zu einem Lifestyle, der nie als solcher, sondern so wahrgenommen wurde, als könne es gar nicht anders sein: sonntags die Verwandten besuchen, die klassische Rollenteilung (die Mutter Chefin im Haus, der Vater, der das Geld heimbringt) und ganz wichtig: dass man als Eltern den eigenen Nachwuchs fördert und ihm den Rücken stärkt. Nicht finanziell oder mit diesem oder jenem Nachhilfe- oder Freizeitangebot oder sonst irgendeinem Firlefanz, sondern ganz einfach: indem man zusammen Zeit verbringt.

Das sind auch die Bilder meiner Kindheit, die ich bis heute mit meinem Vater verbinde:

Schachspielen oder im Wald bis zur nächsten Ecke - wer ist schneller?- laufen. Jahrelang konnte ich nicht gewinnen, immer aber mit dem Ehrgeiz, dass das irgendwann passieren würde. Und mein Vater schaffte es, dass dies bei mir nie mit dem Gefühl von Frustration, sondern immer mit Spaß verbunden war. Noch ein Spiel … oder auf ein Neues bis zu dem großen Baum da an der Ecke?



Auf den Rheinwiesen in Düsseldorf: ein cholerischer Mann, der meine Mutter und mich am Handgelenk packt, mir eine Ohrfeige gibt, uns anbrüllt und bedroht. Ich aber bin im Gegensatz zu meiner Mutter die Ruhe selbst. Denn im Augenwinkel sehe ich diesen bulligen Mann im ölverschmierten Overall - mein Vater hatte, während wir am Rhein spazierengingen irgendetwas an unserem hellblauen VW-Käfer repariert - der so schnell er kann, auf uns zurennt. Der wild gestikulierende Choleriker hat ihn noch nicht gesehen, ich schon - er weiss noch nicht, was auf ihn zukommt - ich schon und Rumms! sind alle Fragen geklärt. Niemand fasst hier meine Familie an! Eine Szene für die Ewigkeit.

Einige Jahre später: Zusammen - ich glaube auf einer Talsperre - in einem Paddel-Boot. Was gibt es Schöneres für einen Knirps in meinem damaligen Alter.



Etwas später: Mein Vater und ich vorne im Auto – gerade ist meine Oma, also seine Mutter gestorben. Das erste, einzige und damit letzte Mal, dass ich ihn weinen sehe. Verlegen sage ich etwas wie: „Das ist schwer für dich.“ Er nickt und weint heftiger.

Viele Jahre später: ein bitterkalter Winter in Münster, wo ich studiere. Der Diesel ist im Tank festgefroren, was nun? Mein Vater kommt aus Düsseldorf, macht sich mit einem Schlauch und einem Werkzeug an dem in die Jahre gekommenen Golf zu schaffen – und siehe da, der Wagen springt wieder an.

Erneut viele Jahre später: Ich habe mich gerade von meiner langjährigen Freundin getrennt. Mein Vater hilft beim Umzug in Düsseldorf von einem Stadtteil in einen anderen. Das lässt er sich nicht nehmen, lässt sich auch nichts sagen, schon gar nicht helfen: Packt den Elektroherd und schleppt ihn alleine über die Treppen in den fünften Stock. Man mag nicht zusehen, denkt an sein Alter, denkt an seinen Rücken und dann wie immer: „Schon gut.“ Oder: „Geht schon.“

Objektiv hatte er kein leichtes Leben, hat hart gearbeitet, nahm das Leben dafür aber erstaunlich selbstverständlich und leicht. Vielleicht typisch für viele Vertreter der Kriegsgeneration. Heute in unserer Überfluss- und Selbstbespiegelungsgesellschaft mit vielen selbstgemachten Zwängen, Zweifeln und Hektik ist alles anders. Da sollten wir uns manchmal an unsere Eltern erinnern und uns ein Beispiel nehmen.

Vielleicht glauben Sie, das ist der gnädige Rückschaufehler, der die Vergangenheit in ein sentimental- romantisches Licht taucht und verklärt. Nein, genauso war es. Genauso so war er: mein toller Vater.

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