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Der Spitalrat ist erklärungspflichtig !

Aktualisiert: 4. Juni 2023

10. Januar 2023

Ich kenne Prof. Clavien sowohl als Patient als auch aufgrund einer intensiven wissenschaftlichen Zusammenarbeit und dadurch auch persönlich. Er ist ein hervorragender Chirurg und Wissenschaftler mit weltweitem Renommee. Fachlich und menschlich eine Koryphäe und einer der Ärzte, die sich mit Leib und Seele für ihre Patienten einsetzen (und weniger für überbordende bürokratische Prozesse - und das ist auch gut so).

Nun wurde er durch den Spitalrat des Universitätsspitals Zürich entgegen anderslautenden schriftlichen und mündlichen Zusagen in der Übergangsphase zur Neustrukturierung der von ihm geleiteten Klinik plötzlich entlassen.

Eine gewisse persönliche Befangenheit bestreite ich nicht. Ich sehe mich aber unabhängig davon in der Lage, einige sachorientierte Aussagen zu machen, die sich mir als interessierter und potenziell betroffener Bürger aufgrund der veröffentlichten Informationen aufdrängen.


Am 20.12.2022 war Clavien vom Chef des Spitalrats, André Zemp, mitgeteilt worden, dass sein Vertrag nicht mehr verlängert wird. Die Medienmitteilung vom 21.12.2022 ist im üblichen PR-Jargon mit Phrasen gespickt. Die Rede ist u.a. von Kulturwandel, flachen Hierarchien und mehr Teamarbeit. Nahezu zynisch mutet dann der Satz an, dass es das Verdienst von Clavien sei, «dass unter seiner langjährigen Führung hervorragende und hochspezialisierte Kaderärzte bereitstehen, um die Klinik in eine neue Zukunft zu führen.» Denn man könnte diesen Satz sinngemäss dahingehend fortführen, dass man den so hoch Gelobten darum ja nicht mehr braucht.


Wenn man die verfügbaren Informationen liest, drängen sich Fragen zu drei Themen auf.


1. Der Tagesanzeiger berichtet in einem Artikel vom 07.01.2023, dass ein Evaluationsbericht zu besten Noten «der Klinikleitung unter Clavien» geführt habe und damit zu dem für ein medizinisches Versorgungszentrum entscheidenden Befund. Kritik sei im Evaluationsbericht aber am Prozess der Nachfolgeplanung geäussert worden und das - so kann man den Hinweis im Artikel verstehen – könnte ein Grund für die überraschende Kehrtwende gewesen sein. Da das Verfahren der Nachfolgeplanung aber vertraulich ist, habe die Universitätsleitung beschlossen, dass das Thema nicht weiter diskutiert werde.

In einem Artikel auf Medinside vom 11.01.2023 spricht Zemp davon, dass Clavien «die wesentlichen Projekt-Meilensteine nicht erreicht« habe «und aufgrund unterschiedlicher Vorstellung kein Vertrag für die Weiterbeschäftigung zustande gekommen» sei. Was damit konkret gemeint ist, erfährt man nicht.

Ein anderer Hinweis könnte die Aussage sein, dass die Uni Zürich und das USZ grossen Wert darauf legen, dass der Nachfolger «auch die neue Klinikstruktur und das neue Führungsmodell unterstützt und damit aktiv den Kulturwandel mitträgt und weiterentwickelt.»

Soll damit durch die Blume gesagt werden, dass Clavien das neue Führungsmodell nicht ausreichend unterstützt und den Kulturwandel nicht aktiv mitgetragen und weiterentwickelt habe? Man weiss es nicht und es darf spekuliert werden. So einfach sollte man den Spitalrat aber nicht davonkommen lassen.

Für den nicht nachvollziehbaren, potenziell für die Klinik schädlichen Entscheid besteht eine erhöhte auch öffentliche Begründungspflicht. Dieser Diskussion kann man sich weder mit dem Hinweis auf Geheimhaltungspflichten noch mit Andeutungen entziehen.


2. Wenn es wie vermutet tatsächlich Kritikpunkte an der Nachfolgeplanung gegeben hat, dann erscheint der Entscheid zur offensichtlich absprachewidrigen Entlassung dennoch in einem schrägen Licht. Denn die Klinikleitung durch Clavien wurde sehr gut bewertet. Warum wurde dann nicht dieser Nachfolgeplanungsprozess - so es denn nötig ist – optimiert, sondern die Leitung der tadellos geführten Klinik verändert? Denn das sei dem Spitalrat hier ins Stammbuch geschrieben: Für die Funktion eines Spitals und vor allem für die dort zu behandelnden Patienten sind nicht Verwaltungslogiken, Ränkespiele oder perfekte Organigramme wichtig, sondern genau die Versorgungsqualität der Klinik für ihre Patienten.


3. Es wird berichtet, dass man Prof. Clavien ab 2019 und bis vor drei Monaten die Weiterbeschäftigung verbindlich zugesagt hat. Angesichts der plötzlichen Kehrtwende gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder hätte man vorausschauend Probleme erkennen und solche Zusagen gar nicht machen dürfen. Oder die Zusagen waren inhaltlich gerechtfertigt, aber dann ist die abrupte Kehrtwende nicht nachvollziehbar. In jeder der beiden Varianten handelt es sich um ein Führungsversagen. Es stellen sich somit Fragen nach der Verantwortung und möglichen Konsequenzen für diesen Führungsfehler.


Ich kenne die genauen Hintergründe und die Grundlagen, die jetzt zu diesem Entscheid geführt haben, nicht. Ich kann mir deswegen auch kein abschliessendes Urteil erlauben. Aber eines ist sicher: Das Gebaren des Spitalrats ist auf der Grundlage der jetzt bekannten Informationen nicht nachvollziehbar. Es ist potenziell mit erheblichen Risiken für eine geordnete Übergabe, für die Glaubwürdigkeit und das Renommee des Unispitals Zürich verbunden. So, wie dieser Entscheid jetzt kommuniziert wurde, sind die Zweifel an der Stichhaltigkeit der Gründe für den Entscheid gewachsen. Die bestehenden offenen Fragen sind daher umso drängender.

Hier sind Politik und Öffentlichkeit gefordert, Transparenz herzustellen und die erwähnte Begründungspflicht einzufordern. Eine dürre Medienmitteilung mit den üblichen Textbausteinen ist das völlig falsche Signal. Der Spitalrat hat sich ohne Wenn und Aber zu erklären. Ob es ihm gelingt, überzeugende Argumente zu liefern und die offenen Fragen ausräumen, wird man dann sehen.

Aus dieser Pflicht dürfen wir ihn aber nicht entlassen!


Update

Mittlerweile wurden in den TV Sendungen Schweiz Aktuell (20.02.2023) und 10vor10 (19.04.2023) Berichte von Mario Nottaris ausgestrahlt (auch unten in der Dokumentation verlinkt).

Darin wurde nun eine weitere Frage aufgeworfen: Warum hat man bei der Besetzung der Nachfolge von Prof. Clavien von einer öffentlichen Ausschreibung der Position auf das Verfahren einer direkten Berufung («direct call») gewechselt?

In den Beiträgen sagte die Präsidentin der politischen Aufsichtskommission, dass es für diese Änderung überzeugende Gründe gegeben habe. Sie könne aber aufgrund ihrer Funktion über diese Gründe nicht öffentlich reden. Auskunft darüber müsste die Leitung der Universität geben. Folgerichtig wurde diese Frage dann der wissenschaftlichen Leiterin der Universität und dem Präsidenten des Spitalrats gestellt, die zusammen im Beitrag auftraten. Und war die Antwort nun so, dass alle Bedenken ausgeräumt wurden? Nein, man ahnt es bereits: Die Antwort lautete, man könne dazu aufgrund des laufenden Verfahrens nichts sagen.

Die Angelegenheit schlägt mittlerweile hohe Wellen. So schrieben 23 Professoren aus 12 Ländern am 01.06.2023 einen offenen Brief an die Zürcher Regierung und Leo Eiholzer berichtete in der NZZaS am 04.06.2023 über weitere Ungereimheiten.

Aufklärung tut Not. Denn es geht um die Besetzung einer Stelle, die weltweit beachtet wird und von beachtlicher Bedeutung für die Patientenversorgung im Kanton Zürich ist. Naturgemäß bestehen bei solchen Geschäften viele Interessenlagen. Manch einer wird sich aufgerufen fühlen, die Gelegenheit zu ergreifen, schmutzige Wäsche zu waschen. Darum und um irgendeine Art eines öffentlichen Spektakels kann es aber nicht gehen. Mit der Universitätsklinik und der Universität Zürich geht um zwei hervorragende Institutionen von internationaler Bedeutung. Das Ziel einer öffentlichen Diskussion kann daher nur darin bestehen, diese Institutionen zu stärken und nicht, sie in einem Dunstkreis von persönlich motivierten Anwürfen und Gerüchten zu schwächen. Daher ist es wichtig, mit kühlem Kopf zu einer gleichermaßen sachlichen und konstruktiven Diskussion beizutragen. Im Rahmen einer solchen Diskussion kann es gute Gründe für eine Direktberufung geben. Auch sind aus meiner Sicht für die Patientenversorgung das medizinische Handwerk und die Führungskompetenzen entscheidender als die wissenschaftliche Publikationsliste.


Aber angesichts der bislang öffentlich bekannt gewordenen Fakten stehen unverändert Fragen im Raum, die bislang nicht zufriedenstellend beantwortet sind.

Denn es hat offensichtlich zwei abrupte Änderungen gegeben.

Die eine Änderung betrifft die kurzfristige, absprachewidrige Entlassung («Nichtverlängerung der geplanten Weiterbeschäftigung mit einer Fortführung der begonnenen organisatorischen Umgestaltung der Klinik») des bisherigen Klinikdirektors.

Die andere Änderung betrifft den Wechsel von einer öffentlichen Ausschreibung der Stelle zu einer Direktberufung.


Es kann gute Gründe dafür geben, eine eingeschlagene Strategie auch kurzfristig zu ändern.

Aber, und das ist die andere Seite der Medaille: Es könnte auch sein, dass die vorzeitige Entlassung von Prof. Clavien und der Wechsel von einer öffentlichen Ausschreibung zu einer Direktberufung einen anderen Grund haben: Der Grund könnte sein, dass es nicht (oder nicht allein) sachliche Gründe sind, die zur Direktberufung geführt haben.

Dieser Verdacht steht nach wie vor deutlich im Raum. Er führt innerhalb des Uni-Spitals und auch ausserhalb bei vielen Fachexperten sowie in der Öffentlichkeit zu Irritationen und Verunsicherung. Schon jetzt hat der Ruf des Uni-Spitals dadurch Schaden genommen. Dass dies so ist, hat mit den beschriebenen Vorgängen und der Kommunikation darüber zu tun. Hier ist es nicht damit getan, sich hinter der Vertraulichkeit der Prozesse zu verschanzen, stur am eingeschlagenen Weg festzuhalten und zu versuchen, die Sache auszusitzen.

Es ist Sache der Verantwortlichen, durch Transparenz und mit überzeugenden Antworten, die mittlerweile entstandenen Irritationen so schnell wie möglich zu beseitigen.

Denn wie bereits gesagt: Das Ziel muss es sein, das Vertrauen in das Universitäts-Spital zu stärken. Dafür sind aber Transparenz und glaubwürdige Kommunikation entscheidende Faktoren. Hier sind Spitalrat und Universität, aber auch die Politik gefordert.



Dokumentation



















5. TV-Bericht von Mario Nottaris, 10 vor 10, vom 19.04.2023























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